Krippen  
aus Oberitalien und Südtirol

Sonderausstellung im Haupthaus
26. Dezember 2004 bis 16. Jänner 2005


"Flucht nach Ägypten" (Hommage an Tiepolo), Ivan Dimitrov, 1994

Geburt (Maria mit Kind und Josef), Terracotta-Relief, montiert auf Holzplatte, Mauro Bartolotti, Ravenna, 1995
 

Italien als Ursprungsland der Krippe weist auch Landschaften auf, in denen die Krippe – so hohen Stellenwert sie im kirchlichen Bereich einnimmt – als „biedere“ Hauskrippe fast keine Tradition hat. Oberitalien stellt eine solche Region dar. Die in der Ausstellung präsentierten Werke zeigen, dass die Eigenständigkeit im Krippenschaffen Oberitaliens bis heute sehr groß ist. Abwechslungsreich ist deshalb die Auswahl an Krippen, die nun aus den Händen zeitgenössischer Bildhauer entstehen. Ob es sich um Werke von Andrea Jori (Mantua), Raffaele Boselli und Cesare Rota Nodari (beide Bergamo), Ivan Dimitrov (Bologna), Antonio Sgroi (Modena) oder die beiden in der Provinz Ravenna tätigen Enzo Babini und Mauro Bartolotti handelt, stets sind es Schöpfungen von eigenwilliger und tiefgründiger Prägung sowohl in der stilistischen als auch in der inhaltlichen Umsetzung des Krippenthemas.

Weihnachtsstimmung im traditionellen erzählerischen Sinn vermittelt eine Serie von Krippen, die von ihrer perspektivischen und beleuchtungstechnischen Perfektion her eine völlig neue Art des „Kripperlschauens“ gewährleisten: die faszinierende Form der Dioramen-Krippen. Ihre Dramaturgie beruht auf Lichteffekten und Schattenwirkungen – mittels Felsdurchbruch, Höhle oder enger Gasse geschaffene Durchblicke vom dunklen Inneren in das helle Außen –, seriellen Architekturen (Säulenreihe, Hausfronten, Fensterzeilen), Vermittlung von landschaftlicher Weiträumigkeit durch Überspringen von Zusammenhängen mittels Fluss, Kluft oder Abgrund als Trennung des breiten Vordergrundes von seinem bergigen Hintergrund, durch effektvolle Positionierung einer Volksszene mit Schwerpunktausrichtung auf das Zentrum des Geburtsstalles hin. Jedes dieser dramaturgischen Stilmittel schafft perspektivische Steigerung und macht die Dioramen-Krippen zu idealen „Ausstellungskrippen“. Der Meister dieser Guckkasten-Krippen in Gipstechnik ist Claudio Mattei aus der Provinz Bergamo. Er hat diese Art des Krippenbauens von den Katalanen in Spanien übernommen und arbeitet seit den 1970er Jahren an deren Umsetzung in das „Bergamaskische“. Gemeinsam mit Guido Raccagni geben die beiden ihr Wissen in Krippenbaukursen weiter, sodass die Dioramen-Krippe inzwischen weit über die Grenzen der Lombardei hinaus ihre Liebhaber gefunden hat.

Verwurzelt in der alten Tiroler Krippentradition ist hingegen das Krippenschaffen in Südtirol. Zu sehen sind die Werke berühmter historischer und zeitgenössischer Bildhauer und Krippenbauer aus dem Vintschgau, Ahrn- und Pustertal sowie aus dem Grödnertal. Zu den klassischen Krippenlandschaften Südtirols zählt vor allem das Grödnertal, dessen Holzschnitzerei auf eine gut 300 Jahre währende Tradition zurückreicht.

Nahezu alle Bildhauer und Künstler aus Südtirol, die in der heurigen Weihnachtsausstellung des SMCA mit ihren Werken vertreten sind, haben die Kunstschule in St. Ulrich absolviert. Auch sind die meisten Nachkommen berühmter Künstler- und Bildhauerfamilien des Grödnertales und haben ihre erste Ausbildung meist in der väterlichen Werkstatt genossen. Sie alle haben ihre eigene Formensprache entwickelt und gehen ihren Weg abseits des Grödner Kunstbetriebes. Gerade hinsichtlich dieser qualitätsvollen Auswahl an Krippenwerken – etwa von Eduard Moroder, Heinrich Moroder Doss, Luis Piazza, Erich Pircher, Gilo Prugger, Hermann Josef Runggaldier oder Harald Schmalzl – wird allein die Vielfalt im kreativen Umgang mit dem Werkstoff Holz im Zusammenhang mit dem Thema „Krippe“ schon zur interessanten Begegnung in der Ausstellung. Ebenso eindrucksvoll präsentiert sich die Formenvielfalt, die aus dieser Region zu sehen ist und die von der Blockkrippe bis zur großen offenen Landschaftskrippe führt, von der Wurzelkrippe bis zur kleinen Kastenkrippe, von der Bildhauerkrippe bis zum Werk eines engagierten Krippenbauers – ob es sich dabei um den berühmten Mondscheinwirt aus Sexten, Anton Stabinger, handelt oder um Schwester Regina Kugler vom Herz Jesu Institut in Mühlbach im Pustertal mit ihren gemalten Hintergründen für offene Landschaftskrippen.


Dr. Ernestine Hutter


Steinrelief "Anbetung der Könige",
schwarzer Kalkstein (Bellerophon),
Luis Piazza, St. Ulrich/Gröden, 1960


Blockkrippe mit Säule und Engeln,
Ivan Dimitrov, 1993



 
Krippe, Keramik, elfenbeinweiß,
Feingold-Verzeirungen, Enzo Babini,
Cotignola (Ravenna), 2004

 

Große Blockkrippe "Anbetung der Hirten",
Nussbaumholz geschnitzt, gewachst,
Virgil Prugger, St. Ulrich/Gröden, 1999