Schatzgräber und Bauforscher  
Stadtarchäologie Salzburg
Bodenfunde aus drei Jahrtausenden
 

Sonderausstellung im Haupthaus
18. September 2004 bis 17. April 2005


Katalog zur Sonderausstellung,
112 Seiten mit zahlr. sw- und Farbabb.,
€ 12,50

Römische Tongefäße, 1./2. Jh.


Die Sonderausstellung „Schatzgräber und Bauforscher. Stadtarchäologie Salzburg“ stellt zum ersten Mal in einer umfassenden Schau die Arbeit der Salzburger Stadtarchäologie vor, die sich mittlerweile seit zwei Jahrzehnten schwerpunktmäßig mit der Geschichte der Stadt im Mittelalter und in der frühen Neuzeit beschäftigt. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht zwar das Fundmaterial, das fast täglich bei den Grabungen ans Tageslicht tritt, an Hand von Zeichnungen, Plänen und Fotos werden aber auch einzelne Baubefunde vor Augen geführt und die Bedeutung der Stadtarchäologie als Teil einer historischen Forschung und Denkmalpflege erläutert.

Das Einschreiten der Archäologie wird im Normalfall durch eine bestimmte Baumaßnahme ausgelöst, zum Beispiel durch Umbau- und Sanierungsprojekte mit Kellereinbauten in geschichtsträchtigen Häusern, oder nur durch Leitungs- und Kanalbauprojekte, da im Zuge dieser oft unerwartet verborgene Bodendenkmale berührt und angeschnitten werden. Und da die angetroffenen Überreste auch jeweils für die Geschichte und Entwicklung der Stadt bedeutungsvoll sind, obliegt es der Archäologie, die Befunde zu dokumentieren und als Quelle für sonst nicht greifbare historische Abläufe sicherzustellen. Gearbeitet wird dabei an allen nur denkbaren Stellen, auf offenen Plätzen, in Straßen-, Hof-, Garten- und Innenbereichen. Es sind aber nicht nur die Bodendenkmale, die untertägig verborgenen Reste, denen die Archäologie ihr Augenmerk schenkt, ihr Interesse gilt auch bestehenden Bauten, sobald sie eine historisch wertvolle und noch aus dem Mittelalter stammende Bausubstanz zeigen. Mit anderen Worten heißt dies, dass die Stadtarchäologie nicht nur im Rahmen der Bodendenkmalpflege agiert, sondern auch zusätzliche Anstrengungen unternimmt und diese in den Dienst von Maßnahmen stellt, die an sich zu den Agenden der Altstadterhaltung, der Baudenkmal- und der Stadtbildpflege gehören. Zu den in Salzburg untersuchten Einbauten zählen allerdings verstärkt auch Senkgruben, Zisternen und Brunnen.

Da das Gebiet der heutigen Altstadt außerdem auf Stadt- und Siedlungsstrukturen ruht, die bis in die römische Zeit zurückreichen, bzw. fast jedes Gebäude, egal ob ein Bürgerhaus, ein Palast oder eine Kirchenanlage, über einem weit älteren „Vorgängerbau“ steht, widmet sich die Stadtärchäologie weiterhin der schon seit langem betriebenen Erforschung der römischen Stadt Iuvavum sowie der Entstehung und Genese der Stadt im Frühmittelalter. Hinzu kommt, dass mit den Arbeiten, die seit 1993/94 auf der Festung Hohensalzburg angestellt werden, eine Tätigkeit eingesetzt hat, die man andernorts bereits als eine selbstständige und hochspezialisierte Disziplin der Bauarchäologie registriert.

Die Grabungen, die nicht nur punktuell, sondern großflächig angestellt wurden, ließen zunächst neuen Aufschluss über die Stadt in römischer Zeit zu. Die im Toskanatrakt der Residenz, im Kapitelhaus, im Furtwängler-Garten, in den beiden Höfen der Neuen Residenz und am Residenzplatz durchgeführten Grabungen ergaben jeweils eine dichte Bebauung, über die man neue Daten zur Struktur der Stadt vom 1. bis in das 4. Jahrhundert gewann. Iuvavum besaß zwei Siedlungsbereiche zu beiden Seiten der Salzach, wobei sich das Zentrum an der Stelle der heutigen Altstadt am linken Ufer der Salzach erhob. War etwa bisher bekannt, dass dieses Zentrum aus einer Wohnstadt mit zum Teil luxuriös ausgestatteten Villen (im heutigen Kaiviertel) und einem Handwerkerviertel (im Bereich der Alten Universität und im Festspielbezirk) bestand, so ist heute auch bereits ein sicheres Urteil über deren Größe und Gliederung möglich. Die Grenze zwischen beiden Vierteln dürfte dabei in einer Achse zu ziehen sein, die heute von der Sigmund-Haffner-Gasse bzw. von der Wiener-Philharmoniker-Gasse angezeigt wird. Die Verbindung zwischen diesen beiden Bereichen war durch einzelne, in westöstlicher Richtung verlaufende Straßen gegeben, erwähnt sei nur die schon 1966 aufgedeckte Straße am Domplatz. In den letzten Jahren gelang aber auch die Bestimmung zusätzlicher Straßenzüge und kleinerer Querverbindungen, so dass sich mittlerweile ein weitgehend regelmäßiger Raster, ein seit claudischer Zeit gültiger und in decumani und cardines gegliederter Bauplan erschließt. Ferner sei gesagt, dass auch das Datum der Gründung Iuvavums, das man lange Zeit in tiberisch-claudischer Zeit angesetzt hat, korrigiert werden konnte. Hinweise auf eine Bebauung bereits der augusteischen Zeit gaben ganz frühe Befunde, die im Kapitelhaus oder in der Neuen Residenz beobachtet wurden. Vor diesem Hintergrund steht also fest, dass heute mit einem wenn auch kleinen Vicus argumentiert werden kann, d.h. mit einer Siedlung, die bereits gleichzeitig mit den frühesten Anlagen der Römer nördlich der Alpen – und damit schon zu Beginn der Okkupation des Regnum Noricum – ab 15 v. Chr. entstand.

Auch die Kenntnis der früh- und hochmittelalterlichen Stadt wurde durch die archäologische Tätigkeit der letzten zwanzig Jahre deutlich verbessert. Unser Wissen über das frühe Salzburg wird sich zwar auch weiterhin und gerne an den Studien orientieren, die uns die Geschichtsforschung vorgelegt hat. Die Archäologie trug zuletzt aber genug dazu bei, dass wir heute nicht mehr allein auf die Auswertung von Schriftquellen angewiesen sind, wollten wir ein Urteil über die frühmittelalterliche Neugründung von Salzburg als Bischofsstadt fällen, die Erhebung Salzburgs zum Erzbistum ergründen oder die Sied-lungsgeschichte von der Spätantike bis in das hohe Mittelalter verstehen. Die Grabungen der letzten Jahre erbrachten den Beleg für einen unter Kaiser Valentinian I. (364–375) errichteten Burgus auf der höchsten Stelle des Festungsberges, sie erbrachten auch Aufschluss über ein großes merowingerzeitliches Gräberfeld am Fuße des Berges mit Bestattungen des 7. und 8. Jahrhunderts. Des weiteren verhalfen sie zu neuen Einblicken in die Baugeschichte der ab 1077 von Erzbischof Gebhard (1060–1088) errichteten Festung – erinnern wir uns hier nur an die 1994 geglückte Aufdeckung der romanischen und einst reich mit Wandmalerei und Stuckaturen ausgeschmückten Kirche der Burg. Weitere wichtige Daten stellten sich zusätzlich für das im 12. Jahrhundert im Zentrum der Stadt realisierte Bauprogramm ein, u.a. fanden sich Reste der beiden unter Erzbischof Konrad I. (1106–1147) errichteten Klöster, nämlich vom Stift der Augustiner-Chorherren und vom Kloster der Domfrauen. Im Übrigen stießen wir auf Reste mit einer Porta der stauferzeitlichen Pfalz oder auf Mauerabschnitte, die ihrerseits für den Verlauf und die Datierung der ältesten Salzburger Stadtbefestigung relevant sind.

Die Untersuchungen brachten schließlich neue Einblicke in die Bautätigkeit eines der schillerndsten Persönlichkeiten und Erzbischöfe der Stadt, und zwar in die Bauprojekte Wolf Dietrichs (1587–1612), dem die mittelalterliche Stadt Salzburg ihren Umbau in eine barocke Residenzstadt verdankt. Angesichts der Vielfalt seiner Baumaßnahmen wurde schon immer gefragt, welche städtebaulichen Voraussetzungen denn gegeben waren, die um 1600 zu einer völligen Neugestaltung der Stadt führten – zur Errichtung prächtiger Residenzen, von Palästen, Schlössern und Plätzen –, und welche Teile der mittelalterlichen Stadt damals zerstört worden sind. Aufschluss erhielten wir auf der einen Seite über eine Bürgerhausgruppe, die spätestens ab dem 14. Jahrhundert westlich der alten Bischofsburg lag, und anderseits über die Bebauung östlich und nördlich des spätromanischen Domes, wo es unter anderem den Domfriedhof oder den Brotmarkt am Eingang ins heutige Kaiviertel gab. Eine Dokumentation von Baubefunden ließ darüber hinaus auch die Bestimmung von nicht uninteressanten Details in den von Wolf Dietrich neu errichteten Bauten der Alten und der Neuen Residenz zu.

Zum Abschluss sei gesagt, dass das Fundmaterial für unsere Forschungen ein unschätzbar wertvolles Archiv ist. Und dabei ein Archiv, das uns vielleicht auch weit leichter als schriftliche Quellen eine lebendige Begegnung mit der Geschichte der Stadt Salzburg erlaubt. 

Dr. Wilfried K. Kovacsovics

 

 


Henkeltöpfe und Phallusglas, 16. Jh. 

 
 
Zwei Bodenfliesen, 14./15. Jh.
 
 
Deckel eines Walzenkruges, um 1900

 
Kleine Figur aus Pfeifenton:
Frau mit Korb, 16. Jh.


 
Fragment eines Armrings, 3. Jh. v. Chr.

 
Teil eines Zaumzeuges, 7. Jh.