Robert Jungk bei einer Kundgebung gegen das grenznahe Atomkraftwerk Temelin in Tschechien, Bild: JBZ-Fotoarchiv
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Plakat: Atomstaat, Diskussionsveranstaltung in MĂĽnchen, 1986; Robert-Jungk-Bibliothek fĂĽr Zukunftsfragen
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Plakat: Robert-JUNGK-KRAFT? NA KLAR!, 1980er-Jahre; Robert-Jungk-Bibliothek fĂĽr Zukunftsfragen
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Vom Atom- zum Sonnenzeitalter

  

Am 26. April 1986 explodierte in der sowjetischen Atomanlage von Tschernobyl ein Reaktor. Zigtausende Menschen in der Umgebung sowie Arbeiter, die an der Einhegung der Kernschmelze arbeiteten, starben an den Folgen der radioaktiven Verseuchung. Die Strahlenwolke breitete sich bis nach Mitteleuropa aus – mit ihr auch die Anti-Atom-Bewegung.

Die Kernschmelze im japanischen Atomkraftwerk Fukushima am 11. März 2011 im Gefolge eines großen Erdbebens brachte der Weltöffentlichkeit schlagartig wieder die Risiken der Atomtechnologie in Erinnerung.

Die Lehren daraus: Atomkraftwerke bleiben tickende Zeitbomben. Doch auch die Endlagerung des strahlenden Atommülls ist bislang völlig ungeklärt. Ein dauerhafter Umstieg auf Erneuerbare Energieträger ist möglich und auch der einzig sichere Weg für die Energieversorgung der Zukunft. Bereits in den 1970er-Jahren hatte Robert Jungk an einem Sonnenbuch gearbeitet, das anlässlich seines 100. Geburtstags posthum erschienen ist.

  

Eine kleine Geschichte des Atoms
Historische Zeittafel
  

  • 1895  Entdeckung der Röntgenstrahlen sowie der natĂĽrlichen Radioaktivität.

  • 1900  Entdeckung, dass Radioaktivität durch den Zerfall von Atomen entsteht. Beginn der Quantenphysik durch Max Planck (Quanten: kleinste, nicht weiter teilbare Energieeinheiten).

  • 1905  Formulierung der Relativitätstheorie durch Albert Einstein: Energie ist das Produkt aus Masse und Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat (E = mc²); daraus abgeleitet wird die Vorstellung von einem „Atomzeitalter“ unbegrenzter Energien, allerdings auch grenzenloser Zerstörungskräfte.

  • 1913  Entwicklung eines auf der Quantentheorie aufbauenden Atommodells durch die Physiker Ernest Rutherford und Niels Bohr.

  • 1914 H. G. Wells beschreibt in seinem utopischen Roman "The World Set Free" erstmals die Möglichkeit des Baus einer Atombombe.

  • 1932 Entdeckung des Neutrons durch den italienischen Physiker Enrico Fermi. Das Neutron ist jener Bestandteil des Atomkerns, der keine elektrische Ladung besitzt. Damit wird ein „ideales Geschoss“ fĂĽr die Spaltung von Atomkernen gefunden.

  • 1938 Bestrahlung von Uran mittels einer radioaktiven Neutronenquelle durch Otto Hahn und Fritz StraĂźmann.

  • 1939 Veröffentlichung der Versuchsergebnisse von Hahn und StraĂźmann in der Jänner-Ausgabe von "Naturwissenschaften", was weltweites Aufsehen erregt.
    Im Februar Entdeckung der Möglichkeit einer Kettenreaktion durch den Überschuss freiwerdender Neutronen durch den Dänen Niels Bohr und im März durch Frédéric Joliot in Paris.
    Nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland im März 1938 Einmarsch deutscher Truppen in der Tschechoslowakei; Beginn des Zweiten Weltkriegs.
    Die Angst vor einer deutschen Atombombe führt zu einem Brief von in die USA emigrierten jüdischen Physikern um Leó Szilárd und Albert Einstein, der Präsident Franklin D. Roosevelt zum Bau einer US-Atombombe drängt.

  • 1941 Kriegseintritt der USA; die Atomforschung wird unter militärischer Leitung organisiert.

  • 1942 Start des "Manhattan Projects" zum Bau der Atombombe unter der technischen Leitung von Max Oppenheimer und der militärischen Leitung von General Leslie R. Groves, fĂĽr welches insgesamt 2 Milliarden Dollar ausgegeben werden sollen.

  • 1943 Aufbau von drei GroĂźforschungsanlagen („Atomstädten“): Isotopentrennanlage in Oak Ridge (Tennessee), Plutoniumfabrik in Hanford (Washington) und Anlage zur Konstruktion der Bombe in Los Alamos (New Mexico).

  • 1945 Landung von US-Truppen am europäischen Festland; in der Folge Beschlagnahme von Atomunterlagen in Frankreich und Deutschland, aus denen hervorgeht, dass das Nazi-Regime nicht in der Lage ist, eine Atombombe zu bauen. Am 12. April Tod des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt; Nachfolger wird Harry S. Truman; erfolgloser Versuch von Atomphysikern, Roosevelt und dann Truman vom Einsatz der Atombombe abzuhalten; im Mai Kapitulation Hitlerdeutschlands. Am 16. Juli erste erfolgreiche Versuchsexplosion einer Atombombe bei Alamorogo in der WĂĽste New Mexicos.
    Am 6. August Abwurf einer Atombombe auf Hiroshima, beladen mit Uran-235 (gewonnen in Oak Ridge); am 9. August Abwurf einer mit Plutonium aus Hanford beladenen Atombombe auf Nagasaki. Die Zahl der Sofort-Toten in Hiroshima wird auf 78.000, jener in Nagasaki auf 36.000 geschätzt; viele Tausende sterben an den Folgeschäden. Mehrjährige Zensur über die Folgen der Atombombenabwürfe durch die US-Besatzung, die bis 1952 andauern wird. In Großbritannien internierte Atomphysiker, darunter Werner Heisenberg, Otto Hahn und Carl Friedrich von Weizsäcker, sagen aus, dass sie das Ziel des Baus einer deutschen Atombewaffnung nicht verfolgt hätten – diese Darstellung, die die Betroffenen später auch Robert Jungk gegenüber wiederholen sollten, ist jedoch fragwürdig geblieben. Faktum ist, dass die deutschen Atomphysiker sich auf die Gewinnung von Kernenergie für den Antrieb von Fahrzeugen und Schiffen konzentriert haben, um gegen die Energieknappheit im Deutschen Reich anzugehen. Beginn des nuklearen Wettrüstens mit der UdSSR. Gründung der Vereinten Nationen (UNO).

  • 1949 Erste sowjetische Atomexplosion.

  • 1952 GroĂźbritannien wird Atommacht.

  • 1954 Am 1. März wird die erste US-Wasserstoffbombe, entwickelt von Edward Teller, auf den Bikini-Inseln gezĂĽndet. Zugleich Beginn der Proteste gegen die Atombombentests, nachdem ein japanisches Fischerboot versehentlich in den Fallout der Atomexplosion geraten ist.
    Offizieller Verzicht Deutschlands auf Atomwaffen.

  • 1955 Im August veranstaltet die UNO die 1. Genfer Atomkonferenz, die der militärischen Nutzung der Atomenergie eine Absage erteilt, jedoch fĂĽr deren zivile Nutzung eintritt.
    Beginn der Kampagne der Federation of American Scientists gegen die Atomtests.
    Im Oktober Gründung eines deutschen Bundesministeriums für Atomfragen zur Förderung der Kernenergie unter Leitung von Franz Josef Strauß; in der Folge richten sowohl der Bund der Deutschen Industrie wie auch der Deutsche Gewerkschaftsbund einen Atomausschuss ein. Schon davor hat Werner Heisenberg die Regierung Adenauer gedrängt, Deutschland wieder eine führende Rolle in der Kernforschung zu verschaffen. Am 23. November zündet die Sowjetunion die erste Wasserstoffbombe.

  • 1956 In "atomwirtschaft", dem fĂĽhrenden Organ der bundesdeutschen Atomindustrie, wird eine Prognose veröffentlicht, der gemäß bereits 1960 der Anteil der Atomenergie auf 80 Prozent geschätzt wird (nach Radkau 1981). Im Oktober Fertigstellung des britischen Atomkraftwerks (AKWs) Calder Hall, des ersten zur kommerziellen Stromerzeugung eingesetzten AKWs – es dient jedoch vor allem der Plutoniumproduktion.

  • 1957 Im April veröffentlichen fĂĽhrende deutsche Atomphysiker das Göttinger Manifest gegen die Pläne zur atomaren Bewaffnung der deutschen Bundeswehr; sie sprechen sich aber ausdrĂĽcklich fĂĽr die friedliche Nutzung der Atomenergie aus.
    Im Juli erste internationale Pugwash-Konferenz gegen Atombombentests.
    Das erste deutsche Atomkraftwerk, ein US-amerikanischer Siedewasserreaktor, wird vom Energieversorger RWE beauftragt und bei Kahl am Main gebaut.
    Im September ungeplante Atomexplosion im sowjetischen Atomtestgelände Kyschtym (nach Streich 1987).
    Im Oktober Brand im AKW Windscale (GB), das später infolge seiner permanenten Unfälle in Sellafield umbenannt werden wird.
    Im Dezember geht das erste tatsächlich genutzte Atomkraftwerk in den USA bei Shippingport in Betrieb.

  • 1958 Das erste nuklear getriebene amerikanische U-Boot "Nautilus" unter dem Polareis erregt weltweites Aufsehen.
    Absturz eines mit einer Atomwaffe beladenen amerikanischen Bombers ĂĽber Marokko (nach Streich 1987).

  • 1960  US-Präsident Dwight D. Eisenhower kritisiert ein deutsch-brasilianisches Abkommen ĂĽber die Lieferung von Uranzentrifugen; die Zentrifugen-Entwicklung muss in der Folge unter Geheimhaltung gestellt werden.

  • 1963 Verbot ĂĽberirdischer Atomtests durch eine Vereinbarung zwischen den USA, der Sowjetunion und GroĂźbritannien; wohl im Gefolge der „Kubakrise“, die die Welt an den Rand eines Atomkriegs gebracht hat.

  • 1966 Absturz eines amerikanischen Langstreckenbombers ĂĽber Spanien, bei dem zwei von vier Wasserstoffbomben Plutonium freisetzen (nach Streich 1987).

  • 1967 Beauftragung der ersten kommerziellen Atomkraftwerke in Deutschland bei Stade und WĂĽrgassen.

  • 1968 Das vom Forschungszentrum fĂĽr Schiffsreaktorentwicklung bei Hamburg gebaute Atomschiff "Otto Hahn" geht in Betrieb; es wird 1978 aber wieder auĂźer Dienst gestellt, da es zunehmend schwieriger geworden ist, Häfen zu finden, die das Schiff ankern lassen (nach Radkau 1981).

  • 1969 Erst in diesem Jahr unterzeichnet Deutschland den Atomwaffensperrvertrag und verzichtet damit de facto auf eine eigene Atombewaffnung.

  • 1970 Baubeginn des ersten AKWs in Biblis, dem mit 1.154 Megawatt damals größten Kernkraftwerk der Welt; Fertigstellung 1974; Block B geht 1976 in Betrieb (nach Radkau 1981).

  • 1972 Baubeginn des Thorium-Hochtemperaturreaktors in Uentrop/Hamm, GroĂźprojekt des Kernforschungszentrums JĂĽlich.

  • 1973 Baubeginn des Schnellen BrĂĽters bei Kalkar, GroĂźprojekt des Kernforschungszentrums Karlsruhe.

  • 1975 Der African National Congress beschuldigt Deutschland, ein in Karlsruhe entwickeltes Urananreicherungsverfahren an SĂĽdafrika weitergegeben und dem Apartheid-Staat damit den Weg zur Atommacht bereitet zu haben.

  • 1977 Ausstieg der USA aus der Technologie der Schnellen BrĂĽter unter Präsident Jimmy Carter aus Angst vor der Weiterverbreitung waffenfähigen Plutoniums. Die USA sind aufgrund reicher Uranvorkommen auch nicht auf Urananreicherung angewiesen.

  • 1978 Ablehnung des bereits fertig gestellten AKWs Zwentendorf in Ă–sterreich per Volksabstimmung.

  • 1979 Beinahe Kernschmelze im AKW Harrisburg (USA). Proteste verhindern die Errichtung einer Wiederaufbereitungsanlage und eines AtommĂĽlllagers im norddeutschen Gorleben.
    Im Dezember Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan.

  • 1983 NATO-Doppelbeschluss ĂĽber die Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen in Europa; in der Folge Anwachsen der Friedensbewegung; GroĂźdemonstrationen in vielen Städten Europas und der USA; gewaltfreie Blockaden von US-StĂĽtzpunkten in Europa, etwa Mutlangen.
    1985 Michail Gorbatschow verkĂĽndet im Rahmen der von ihm angestoĂźenen „Perestroika“ ein einseitiges Atomteststopp-Moratorium durch die UdSSR (nach Streich 1987).
    Im Dezember Baubeginn an der Wiederaufbereitungsanlage (WAA) im bayerischen Wackersdorf, deren Fertigstellung letztlich an den Protesten der BĂĽrgerInnen scheitert.
    Fertigstellung des Schnellen Brutreaktors in Kalkar (NRW), der jedoch nie in Betrieb gehen wird. Wegen sicherheitstechnischer und politischer Bedenken wird das Projekt 1991 eingestellt.

  • 1986 Am 26. April Super-GAU (größtmöglicher anzunehmender Unfall) im sowjetischen AKW Tschernobyl; starke Verstrahlung im Umkreis bis zu 2.000 km; deutlich erhöhte Strahlenbelastung selbst in Mitteleuropa messbar.

  • 1989 Weitgehend friedliche Revolutionen in den ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes; Wiedervereinigung Deutschlands; Auflösung der Sowjetunion.
    Bekanntwerden von Filmdokumenten ĂĽber Atomtests in der Sowjetunion, die von Moskauer Filmemachern in dem Film "Nuclear Tango" verarbeitet und publiziert wurden (nach Cooke 2011).
    Ende der Amtszeit von Ronald Reagan, der die nukleare Hochrüstung der USA zur Spitze und die Staatsschulden hierfür in die Höhe getrieben hat.

  • 1990 Im August Einmarsch irakischer Truppen in Kuwait; in der Folge Bombardierung des Irak durch „Alliierte Streitkräfte“ unter der FĂĽhrung der USA; 2. Golfkrieg mit brennenden Ă–lfeldern. Der Vorwurf an den Irak, dass er im Besitz von Atomwaffen sei, stellt sich als LĂĽge heraus.

  • Ab 1991 Proteste gegen ein in Temelin errichtetes Atomkraftwerk nahe der österreichischen Grenze; 2000 wird Block 1, 2003 Block 2 in Betrieb gehen.

  • 2003 Sturz Saddam Husseins in der Folge des 2. Golfkriegs gegen den Irak.

  • 2009 Baubeginn am ersten Kernfusions-Versuchsreaktor ITER (lat.: Weg) in Cadarache in SĂĽdfrankreich; Koproduktion von China, Europa, Japan, Russland, SĂĽdkorea und USA.

  • 2011  Im März Reaktorkatastrophe im AKW Fukushima 1 im Gefolge einer durch ein Erdbeben ausgelösten Flutwelle, die das Atomkraftwerk ĂĽberflutet und zum Ausfall der Sicherheitsvorkehrungen fĂĽhrt. Im November erstmals „FĂĽhrung“ durch das verstrahlte Gebiet fĂĽr die internationale Presse.
    In Deutschland Beschluss über den endgültigen Ausstieg aus der Atomenergie; Siemens kündigt an, aus dem Kernreaktorgeschäft auszusteigen.
    Beschluss ĂĽber den Bau eines Mega-AKWs in einer Kooperation von Litauen, Lettland und Polen.
    Die "Internationale Atomenergiebehörde" IAEO beschuldigt den Iran des Baus von Atombomben.

  • 2012 Nach Abschaltung aller Atomreaktoren in Japan als Folge der Katastrophe von Fukushima gehen trotz Protesten der Atomgegner wieder die ersten Meiler in Betrieb.

  • 2013  Laut Welt-Statusreport Atomindustrie waren Ende 2012 weltweit 430 AKWs operationsbereit. 2002 – im Jahr mit der höchsten AKW-Dichte – waren es noch 444. Im Februar unterirdischer Atomtest in Nordkorea.

 

  

>>> zur Hauptseite: Robert Jungk: WeltbĂĽrger und Salzburger

   

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