Dichter und Maler zum 100. Geburtstag
31.1.2003 bis 15.6.2003
Haupthaus Museumsplatz 1
Über die Ausstellung
Zwei Leidenschaften – Zwei Erben
Künstlernachlässe schreiben – wie das Leben von Künstlernaturen – häufig eine ganz eigene, unerfindbare und merkwürdige Geschichte. Als tote Materie sind sie abhängig von ihren Sachwaltern, von kunstmächtigen oder -ohnmächtigen Nachfolgern oder Vertrauten der Künstler selbst; sie lagern – meist wenigstens eine Erbgeneration weiter –, bis sie wieder als Aufmerksamkeit erregende Novität gehoben werden.
Im Fall des doppelbegabten Georg Rendl gab es eine erbschaftliche Doppelversorgung, wenn auch zu völlig ungleichen Maßen. Rendl hat die Früchte seines künstlerischen Erblasses sowohl in Form von Gemälden als auch Schriften zu Gunsten Zweier geteilt. Nach testamentarischer Letztverfügung sind die Urheberrechte seines literarischen Werks und der Großteil seiner Gemälde der Gemeinde St. Georgen zugefallen, die Tantiemen aus Veröffentlichungen und ein qualitativ bemerkenswertes Konvolut an Malereien (letzteres als Geschenk zu Lebzeiten) an seinen Tiroler Sohn. Beide Erben standen in einer außergewöhnlichen Liaison zu Georg Rendl. Das häufig „porträtierte“ St. Georgen, das er mit seiner Frau 1938 als attraktives Kleinod und romantischen Ort der Bleibe entdeckt hatte, sollte als Refugium in der Natur eine lebenslange Huldigung erfahren. Wie er sein – in heutigem Ökojargon definiertes – Biosphärenreservat in der Salzachau und Blicke von dort in die südliche Weite, „in diese stille Landschaft, deren schwingende Linien von nichts Hartem gestört sind“ (Georg Rendl: Haus in Gottes Hand, 1951, S. 7) mit Pinsel und Spachtel ausmalte, lässt auf ausgedehnte Hingabe an die Natur als Schöpfung schließen, imaginiert den liebestaumeligen Akt der Kreativität des späteren Eremiten im Flachgau-Paradies.
Rendls Ehe mit der um elf Jahre älteren Bertha Funke blieb kinderlos. Bertha, die gelernte Säuglingsschwester, verkörperte mit Sicherheit nicht „die Frau“, zu der ein feminines Wesen im Sinne Beauvoirs „nicht geboren, sondern gemacht“ wird. Als gebildete, intelligente Erscheinung, als unangepasste, musische Begabung und als die verlässliche „Prima-Lektorin“ begleitete sie ihren Dichter. Sie wusste Klavier und in der Dekanatskirche zu St. Georgen Orgel zu spielen und hinterließ im Rendl-Erbe Aquarelle und Pastellzeichnungen, die von einer großen bildnerischen Begabung, aus dem jungen Handgelenk geschüttelt, zeugen. Mitte der 1950er Jahre verließ sie ihren Gemahl und siedelte, nur einen Steinwurf von ihm, weg in das Pfarrstöckl des Dechantshofes. Der Grund für die Trennung lag letztendlich im leidigen Zuschauenmüssen, wie ihr Dichter und Frauenbetörer von den Versuchen, andere weibliche Existenzen – wie es scheint glühendst – zu erobern und zu umgarnen, nicht abließ.
Eine Liebesromanze entwickelte Georg Rendl zu einer jungen, blühenden Temperamentvollen während seiner militärischen Schreibstubenzeit in St. Johann i.T. (1942–1945). Ein verheirateter Künstler erschien ihr für ihren Lebensentwurf am Ende doch nicht ganz geheuer, und sie entschloss sich zur Heirat mit jemand Anderem, noch im Dezember 1944. Rendl ließ sich, nachdem er sie aus den Augen verloren, sie aber etwa Mitte der 1950er neuerlich ausfindig gemacht hatte, nicht davon abhalten, die Vermählte und Mutter zweier Kinder immer wieder aufzusuchen. Er mag dort inmitten der rauhen Bergidylle, die ihm lebenslang als temporärer Stützpunkt diente, die Erfüllung seiner Sehnsucht nach Familie gefunden haben, die leiblich er selbst um noch einen Sohn vergrößerte: Johann Georg wurde 1958 geboren; quirliges und typisches Vaterblut soll durch seine Adern geflossen sein. Zu dauerhafter innerer Gebrochenheit verurteilt wurde aber die inzwischen verwitwete Mutter, als die nur 21-jährige Frohnatur, deren genetische Spuren im Verborgenen gehalten wurden, durch Unfalltod aus einem leidenschaftlichen Leben gerissen wurde.
Johann Georg verdingte sich als Malergeselle und ist damit einer der beiden Begabungen, der seines Malervaters, gefolgt – wenn auch nicht im künstlerischen Sinn –, während der zweite (einer weiteren Liaison Rendls entsprungene, heute in Wien lebende) Sohn Bernhard Georg die andere Begabung, die seines Dichtervaters, ebenfalls in handwerklichem Sinn durch Werbetexten verwirklicht.
Johann Georg hatte bei seinem um etwas mehr als zehn Jahre älteren Halbbruder Toni (sie hatten dieselbe Mutter) das Handwerk des Malers erlernt. Überraschenderweise setzte sich gerade in Letzterem, dem mit Rendl Unverwandten, eine entschiedene künstlerische Neigung durch, nicht zuletzt durch Georg Rendls Einflussnahme. Durch seine und die Schule des Sehens von Kokoschka war er gegangen. Rendl und der kreative Junge porträtierten sich gegenseitig, malten dieselben Motive, abwechselnd in Tirol und in St. Georgen, dem Ort, den er so gut kennt wie eine zweite Heimat. Von der alten, längst nicht mehr existenten Zeugstätte weiß er bis heute den genauen Standort, Bildblickpositionen, sei es in Richtung Untereching oder St. Pantaleon, sind ihm eingeprägt. Seit langem malt er selber nicht mehr, der Kunstgenießer, der Zangs sammelt und über Beuys zu sprechen weiß und seine vielen Wohnräume mit ausgefallener expressiver zeitgenössischer Kunst bebildert hat.
Den Tiroler Nachlass hat Georg Rendl persönlich gesichert und ihn augenscheinlich nach Entstehungsorten und Ereignissen sortiert. Im Gesamtüberblick hat sich zu Gunsten einer stilistischen Kontinuität eine große Lücke, vor allem was die 1940er und 1950er Jahre betrifft, durch diesen Nachlass geschlossen.